STATE OF MIND

Die Werke von Julia Bünnagel und Lars Breuer treten in der Ausstellung State of Mind in einen spannungsvollen Dialog.
Julia Bünnagel ist Bildhauerin, Lars Breuer konzeptueller Maler. Verbunden sind beide durch ihr Interesse an Raum und Sprache, durch gemeinsame Arbeit und eine langjährige Freundschaft.
Julia Bünnagel studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und ist Bildhauerin, Installationskünstlerin und Musikerin. Neben Skulpturen und raumgreifenden Installationen entwickelt sie Schriftarbeiten und Klangperformances, die sie alleine oder mit dem Kollektiv Ferment darbietet.
Lars Breuer studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Freie Kunst in Münster und Düsseldorf. Wandfüllende Schriftarbeiten, die zum Teil im öffentlichen Raum zu sehen sind, sowie Leinwandgemälde bilden die Schwerpunkte seines Werks.
Die Werke beider Künstler*innen waren in zahlreichen Museums- und Galerieausstellungen zu sehen und befinden sich deutschlandweit in bedeutenden Sammlungen. Sowohl Julia Bünnagel als auch Lars Breuer haben eine Professur an der Hochschule Düsseldorf inne und leben und arbeiten in Köln.

STATE OF MIND – Julia Bünnagel

Julia Bünnagel fragt in ihren neuen Werken nach einem inneren Ort, einem Zustand zwischen Ab- und Anwesenheit, Manifestation und Auflösung. Als Bildhauerin geht sie dabei vom Material und vom Körper im Raum aus.
Im Zentrum ihrer Installation steht die dreiteilige Flaggenskulptur Unflag. Drei Fahnenmasten stützen sich gegenseitig, ihr Gleichgewicht entsteht erst im Zusammenspiel. Die in Streifen geschnittenen Fahnen sind auf einer Seite spiegelnd, auf der anderen schwarz. Die Spiegelflächen werfen die Betrachtenden und den Raum bruchstückhaft zurück; die schwarze Seite erinnert an die schwarze Fahne, die historisch oftmals als Zeichen von Freiheit und Widerstand stand. Zerschnitten und spiegelnd verweigert Unflag das, was eine Fahne üblicherweise leistet, nämlich für eine eindeutige Identität einzustehen. So bildet sie eine Art Anti-Fahne”, die den Raum mit starker Präsenz einnimmt.
Auch in ihren Schriftarbeiten, den sogenannten Typocuts arbeitet Julia Bünnagel bildhauerisch. Sie schneidet eine eigens entwickelte Schrift in Pappe und thematisiert damit Sichtbarkeit und Verschwinden.
Schrift erscheint hier als Zeichensystem, das aus wenigen Grundelementen Bedeutung erzeugt. Lesbar werden die Worte durch eingefärbte Schnittkanten und farbig hinterlegte Leerstellen. Durch das Zusammenspiel zweier Farben beginnt die Schrift scheinbar zu flirren, sobald man sich vor ihr bewegt.
Titel wie Brave New Words, State of Mind, Slowing Down the World oder Let’s Get Lost umkreisen unterschiedliche Stimmungen.
Ihre Bodenskulptur Nothing Is Built to Last erinnert an eine Ruine. Was zerfällt, schafft zugleich Platz für Neues, und so trägt die Arbeit die Ambivalenz von Zerfall und Werden in sich. Daran knüpft die Schriftarbeit Destroy, She Said an. Ihre Aufforderung ist nicht nihilistisch, sondern befreiend und utopisch gemeint: Das Bestehende soll aufgebrochen werden, damit etwas Neues, noch Unbekanntes entstehen kann. Dieses Neue bleibt unbenannt.
Für die mit Kopfhörern erfahrbare Musikarbeit Lunatic hat Julia Bünnagel Schallplatten zersägt, bemalt und beklebt und durch diese Eingriffe den ursprünglichen Klang in Rauschen, Fragmente und Beats verwandelt.

STATE OF MIND – Lars Breuer

Lars Breuers Werk ist konzeptuell angelegt und bezieht sich auf Kunstgeschichte und Literatur. In seinen Leinwandarbeiten treffen expressive, farbintensive Formen auf klare, konstruktive Elemente. In seinen raumgreifenden Wandarbeiten setzt er eine eigens entwickelte Typografie ein. Die Schrift reagiert auf die Architektur, hebt unbeachtete Details hervor und macht den Raum selbst zum Thema.
Diesen Blick für das Unbeachtete überträgt er auch auf das Gemälde selbst.
Mit seinem neuen Bild State of Mind antwortet er auf Julia Bünnagels gleichnamige Schriftarbeit, die der Ausstellung ihren Titel gibt. Den Rahmen gestaltet er bewusst mit Acrylfarbe und sichtbarem Pinselduktus und macht ihn so zum Bestandteil des Werks.
Monochrome Flächen treffen auf organische Verläufe, wodurch die klare Begrenzung der Bildfläche aufbricht.
Seine beiden extrem schmalen Hochformate tragen die Titel Ohne Ende ohne Anfang und All Begins and Ends. Der eine verneint Anfang und Ende, der andere bejaht beides. Auch farblich wirken die Werke gegensätzlich. Gemeinsam ist ihnen die Auseinandersetzung mit Wiederholung und scheinbar endloser Reihung, die sich als Ausschnitt wie ein senkrechtes Band über die Bildfläche zieht.
So unterschiedlich ihre Mittel sind, beide arbeiten an der Schnittstelle von Raum und Sprache. Breuer stellt oft scheinbar gegensätzliche Begriffe nebeneinander, Bünnagel formuliert poetische Sätze, die an Songtitel erinnern. Beide haben eine eigene Schrift entwickelt und verstehen Worte nicht nur als Träger von Inhalten, sondern als Form, die einen Raum besetzt und verändert. Ihre kurzen, prägnanten Sätze bewegen sich zwischen Slogan und Zitat, verweisen oft auf Literatur und kreisen um ähnliche Fragen wie Anfang und Ende, Zerfall und Neubeginn, um den Raum und das Denken.
Wer ein Wort setzt, bezieht Stellung, auf der Wand wie im Raum. Dass Breuer mit einem eigenen Bild auf Bünnagels State of Mind antwortet, macht den Dialog der beiden unmittelbar sichtbar. Darin zeigt sich ein gemeinsamer „State of Mind“, eine innere Haltung, die beide teilen.

SHOWROOM – Matthias Wollgast